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MÄNNERFREIZEIT IN REITZENSTEIN – ABOVE AND BEYOND Alte Bekannte und die Folgen Nachdem ich ihn lange Jahre nicht gesehen hatte, trafen Wolfgang P. und ich im Sommer 2004 in der U-Bahn zusammen. Vor langer Zeit, als wir noch einen anderen Bundeskanzler und die gute, alte D-Mark hatten, und auch sonst vieles besser war, verkehrten er und ich regelmäßig im Jugendbund in der Füll und in der Teestube New Life in Nürnberg – die Veteranen unter den Lesern werden sich erinnern. Im Verlauf der 90er verloren wir uns jedoch aus den Augen. Anstatt nach diesem Treffen die Füße ruhig zu halten, was unternahm dieser Mensch? Er rief mich tatsächlich an, lud mich zunächst in seinen Hauskreis und später zu einem Männerwochenende in Reitzenstein ein, störte mich inmitten meiner selbstgewählten Einsamkeit zwischen Melancholie und Depressionen, Nostalgie und der Musik von Leonard Cohen ... und das war auch ganz gut so! Und so betrat ich am späten Nachmittag des 8. Juli 2005 die Gemeinde in der Gebhardtstrasse 19 in Fürth, wo mich der für die Gemeinde zuständige Prediger Stefan Th. in seinem Wagen nach Reitzenstein mitnehmen sollte. Ich merkte recht schnell, dass die Zeit auch in christlichen Kreisen nicht stehen geblieben war: Erwartet hatte ich einen Mann in den späten 40ern, dunkler Kleidung, würdevoller, leicht gebückter Haltung und betretener ‚Ihr seid alle verdammt’-Miene, mit der Bibel als fast schon natürliche Verlängerung des Arms, eben die durchschnittliche, irdische Verkörperung des Vollzugsbeamten vom Jüngsten Gericht! Begrüßt wurde ich von einem offensichtlichen Thirty-something mit noch vollem Haar, der für seine sportliche Kleidung noch nicht zu alt war und der nach sehr viel aussah, vom Heiratsschwindler bis zum Zivilfahnder war alles drin, nach einem Prediger sah er jedoch keineswegs aus. Als wir schließlich unser Gepäck in den Wagen luden, tauchte noch ein dritter auf:Von uns dreien war er wohl der jüngste und er trug eine ähnliche, schmale, rahmenlose Brille wie der andere – vielleicht gibt es im Vatikan ja inzwischen eine Abteilung, die nur solche Brillen herstellt! Er wirkte, als wäre er gerade einer dieser unsäglichen Daily Soaps entsprungen: Trugen die Christen zu meiner Zeit, also späte 80er, frühe 90er, oft unauffällige, manchmal schmuddelige Kleidung, die selbst die Heilsarmee nicht mehr genommen hätte, so hatten sich die modernen Christen offenbar ihrer Umwelt angepasst, wohl um mehr Publikum zu erreichen, trugen den neuesten ‚Sex And The City’- und GZSZ-Chic. Und auch einen flotten Bibelspruch hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt noch von keinem der beiden zu hören bekommen! Mein Weltbild begann zu bröckeln! Hatte ich zuvor unbemerkt ein Dimensionstor passiert und war in einem Paralleluniversum gelandet, einer Welt, in der Christen moderne Kleidung samt einem vernünftigen Haarschnitt trugen und nicht penetrant-unwissend daherbrabbelten und somit die Gewaltphantasien ihrer Umwelt schürten und sich selbst in Gefahr brachten?! Oder waren es am Ende gar – Roboter?! Fritz Langs Kultfilm ‚Metropolis’ kam mir in den Sinn und ich überlegte, ob ich einen der beiden stechen sollte, nur ein bisschen natürlich und auch nur um zu sehen, ob sie bluteten, unterließ es dann aber. Oder waren es gar ... nein, konnte auch nicht sein, denn zu Staub waren sie ja nicht zerfallen, als sie ins Sonnenlicht traten! Noch mehr irritierte mich das Buch, das der junge Hupfer, er hatte sich mir als Jens vorgestellt, auf seinem Gepäck liegen hatte, eine Taschenbuchausgabe von ‚Das Echo aller Furcht (The Sum Of All Fears)’ von Tom Clancy, einem leicht reaktionären Militaristen, der gut ins aktuelle politische Klima passt. Noch vor 15 Jahren hätten die Christen, die ich kannte, so ein Buch nicht einmal angefasst! Andererseits kannte ich auch damals schon Christen, die sich ‚Sledge Hammer!’ anschauten ... Nachdem wir losgefahren waren, gabelten wir unterwegs noch einen vierten Mitfahrer auf, womit das Auto voll war. Der Weg nach Westen Während der Fahrt hatte ich Gelegenheit, mich den neuen Gegebenheiten anzupassen, aber die Irritationen wollten zunächst kein Ende nehmen: Ein Blick auf Straßenkarte und Infomaterial zeigten mir schnell, dass mein alter Gefährte Wolfgang die Wahrheit sehr weit gedehnt hatte, als er mir erzählt hatte, dass unser Reiseziel ‚hinter Schwabach’ liegen würde ... Wo auch immer Reitzenstein liegt, von Schwabach ist es so weit entfernt wie nachts von draußen! Ich hatte erwartet, dass während der gesamten Fahrt irgendeine christliche Musik aus dem Autoradio dudeln würde (Radio Don Camillo oder irgendetwas von Amy Grant), stattdessen erzählte mir unser Fahrer Stefan etwas über eine alte, amerikanische Fernsehserie ... ‚Kojak’! Es musste ein Paralleluniversum sein! Je weiter wir Nürnberg hinter uns ließen, umso mehr wandelte sich die Gegend durch die wir fuhren: Die Zivilisation nahm ab, Häuser verschwanden und die Umgebung bestand hauptsächlich aus Feldern und Wiesen, unterbrochen von diesen unsäglichen Windkrafträdern, dazwischen Dörfer und Käffer, meinst nur eine geringe Ansammlung von Häusern, die auf der Landkarte leicht für Dreck gehalten werden konnten und in denen ein Mensch aus der Stadt nicht einmal begraben sein möchte und die wohl in 50 Jahren noch immer genauso aussehen würden wie vor 50 Jahren ... und es zeigte, dass der alte Mann dort oben einen sehr seltsamen Sinn für Humor haben musste! Wir fuhren durch Nester, die wie ausgestorben und aufgegeben wirkten, ohne dass wir eine Menschenseele zu Gesicht bekamen. Provinz. Land. Dorf. Arsch der Welt. Ende der Zivilisation. So mussten sich Außenstehende wohl Bayern vorstellen! Und je weiter wir fuhren, um so beunruhigter wurde ich. Ich war Trubel und Verkehr, Neonreklamen und Geschäfte samt Schaufenster, U-Bahnen und Busse, Beton und Asphalt, Häuserschluchten und Fahrzeuge, die Flüche der Zivilisation und die Gefahren der Großstadt eben, gewohnt, doch nun sah ich Felder und Wiesen, die sich bis zum Horizont erstreckten, und manchmal Wälder, eine Gegend also, in der sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagten. Und einmal mehr war ich dankbar dafür, meine Kindheit nicht in solch trostloser Umgebung zugebracht haben zu müssen! Schließlich kamen wir in eine Gegend, in der die Häuser noch etwas schäbiger und mitgenommener aussahen: Die altmodischen Gebäude mit ihren Schieferdächern wirkten, als wären sie vor einem halben Jahrhundert erbaut und seitdem nicht allzu viel daran geändert worden und vielleicht gab es hier ja auch noch Hexenverbrennungen und die Eingeborenen hier glaubten, dass die Erde eine Scheibe sei. Und auch ohne Landkarte und Straßenschilder hätte ich gewusst, dass ich in den neuen Bundesländern (formerly known as DDR!) war. Und schließlich, nach knapp zwei Stunden Fahrtzeit, erreichten wir endlich unseren Bestimmungsort. Die Fahrt hatte lange genug gedauert, um meine Befürchtungen wachsen zu lassen und mir Sorgen darüber zu machen, wo mich mein alter Freund Wolfgang wohl hingelotst haben mochte. Und so hatte ich in dieser Einöde als Unterkunft eine alte, verfallene und ratten- und asbestverseuchte Militärkaserne aus der Zeit des Kalten Krieges erwartet. Aber ich freute mich, als ich sah, dass das Jugend- und Freizeitenheim Reitzenstein, das zwischen Hof und Lichtenberg liegt, so ganz und gar nicht meinen üblen Erwartungen entsprach: Es war ein gegen Ende der 90er erbautes, einstöckiges Haus samt einem Schieferdach, mit heller, freundlich wirkender Fassade. Es hatte wohl ähnlich viele Eingänge wie der Berliner Parteitag, und von der Anhöhe, auf der es lag, bekam man einen wunderbaren Panoramablick über die weite Umgebung geboten. Hinter dem Haus lag ein kleiner Garten samt einer stabilen Schaukel. Zwar entpuppte sich die vermeintliche Saunahütte als simpler Geräteschuppen und trotz gründlichen Rundgangs ums Haus konnte ich auch weder Swimmingpool samt Bikinischönheiten (Oder Neudeutsch: Koitalassistentinnen) noch Golfplatz entdecken, und die gekühlten Drinks ließen auch noch auf sich warten, aber dafür lag hinter all dem ein dichter, hoher Wald samt Fußballplatz. Es gibt einige Möglichkeiten, auf ein Eichhörnchen zu treten, zu viele jedenfalls aus der Sicht der Nager, und daher war wohl um den Fußballplatz auch ein weitmaschiges Netz gespannt worden – damit nicht ständig die Fellträger aufgeschreckt wurden, wenn die Amateurliga auf der Suche nach Ball und ihrer vergangenen Jugend durchs Gestrüpp stolperte. Die anderen Zivilisationsflüchtlinge (Formerly known as City-Slickers!) erwarteten uns bereits, insgesamt waren wir 14 Mann (Puff’s Fourteen?!). Es gab ein großes Hallo, fast so, als wäre uns eben die Flucht über die innerdeutsche Grenze geglückt! Eine Handvoll Menschen in einer abgelegenen Hütte, fernab der Zivilisation (Obwohl man dort in Bayern grundsätzlich ist!) und von der Außenwelt abgeschnitten (Na ja, fast!) ... Die Parallelen zu Agatha Christies ‚Zehn kleine Negerlein’ waren unübersehbar und es blieb zu hoffen, dass nicht einige von uns auf der Strecke blieben! Im Inneren des Hauses hätte der Pabst höchstselbstpersönlich vom Boden essen können, so sauber war es. Alles machte einen gemütlichen Eindruck: Die Unterkünfte waren hell und geräumig und waren auf originelle Weise mit verschiedenen Bezeichnungen versehen wie ‚Hasenbau’ oder ‚Bienennest’. Es waren einfache Betten aber auch Stockbetten für insgesamt 24 Gäste vorhanden, aber mit Schlafsäcken und Isomatten versehen, hätte auch die doppelte Anzahl Platz gehabt. Zunächst wollte ich das gesamte oberste Stockwerk belegen, was meiner Neigung zur Bescheidenheit sehr entgegengekommen wäre, begnügte mich dann jedoch mit dem größten Zimmer im ersten Stock, einem Quartier mit sechs Betten, das ich nur mit einem einzigen anderen Gast teilen musste. Ich überlegte, ob ich ihm sein Gepäck nach draußen auf den Flur stellen sollte, um ihm bei seiner christlichen Suche nach Demut behilflich zu sein, gönnte ihm dann aber doch den Komfort eines weichen Bettes ... Sehr erfreulich war auch, dass in dem Haus nicht eine einzige Glotze zu finden war! Der erste Abend Im Garten war bereits der Grill angeschürt und diverse Salate waren zubereitet worden und während die Dämmerung hereinbrach, wurde die erste Flasche Rotwein des Abends geköpft und der appetitliche Geruch von gegrilltem Fleisch und Würstchen lag in der Luft. Es dauerte auch nicht mehr lange, dann machte sich zufriedenes Mampfen breit!. Man kann sich bei Christen auch unbeliebt machen, aber es dauert meist sehr lange, bis sie zu streiten anfangen – es sei denn, man legt bei einem gemütlichen Grillabend einige Tofuwürstchen auf den Grill ... christlich hin oder her, aber Tofuwürstchen sind eben bei nahezu jeder Art von Grillern, dieser Reinkarnation des Urmenschen, verpönt, da nutzen auch keine Einwände, dass man sie nur ’mal gekauft hat, um zu probieren, nichts. Ehe sie sich also dazu entschließen konnten, mich in der Prärie auszusetzen, zu steinigen oder mir einen neuen Scheitel zu ziehen, hatte ich meine Tofuwürstchen (Natürlich hatte ich auch noch ‚richtige’ Würstchen und ‚richtiges’ Fleisch dabei!) klammheimlich selbst verputzt. Und ich muss sagen ... die leidenschaftlichen Griller haben recht: Der Geschmack von Tofu bewegt sich irgendwo zwischen ‚kann man essen, muss man aber nicht’ und ‚einfach furchtbar’ ... alle Grünen und Vegetarier sollten sich schämen! Wolfgang P., der mit seiner hageren Gestalt und dem dichten Bart stets etwas an den Deputy Festus Haggen aus der alten Westernserie ‚Rauchende Colts’ erinnert, entfachte in einem alten, verbeulten, wohl noch aus der Kaiserzeit stammenden, Waschkübel noch ein gemütliches Lagerfeuer und eine Stimmung entstand, wie sie wohl vor Millionen von Jahren nicht besser gewesen sein kann. Es war eben eine Männerfreizeit ohne Frauen und Ehefrauen und deren Drang zu Konflikten, und ohne nörgelnde, nervende Gören und Männer sind eben sehr einfach zufrieden zu stellen! Gemeinsam verfolgten wir den Sonnenuntergang am glutroten Abendhimmel. Gruppen bildeten sich, Gespräche entstanden, dazwischen wurde weiterhin gegessen und getrunken und den Geräuschen des Waldes gelauscht, die am Tag nicht weiter auffallen, in der Nacht jedoch fast unheimlich wirken und durchaus archaische Ängste und Phantasien anregen können, während der flackernde Feuerschein tanzende Schatten auf uns alle warf. Der neue Tag lief bereits, als sich unsere Reihen zu lichten begannen und viele in ihre Betten wankten und nur Wolfgang und ich zurückblieben. Oder wie Danny Wilde es formuliert hätte: “Sleep well in your Bettgestell!“ Nostalgische Reflexionen an der ehemaligen innerdeutschen Grenze Am nächsten Tag stand auf dem Plan ein Besuch der Ortschaft Mödlareuth, durch die einst die deutsch-deutsche Grenze, also die Mauer hindurchführte und so das Dorf teilte. In diesem Fall wohl glücklicherweise, denn ansonsten hätte wohl wirklich niemand jemals von diesem Kaff Notiz genommen! Die kurvenreichen Strassen dorthin führten wieder durch einsame Nester, die wohl sogar von Weihnachtsmann und Osterhase gemieden wurden, vorbei an Überlandleitungen und Windrädern. Gleich neben dem Mödlareuther Parkplatz standen wahrgewordene Verkörperungen diverser Männerträume (Neben den kurvenreichen, anschmiegsamen Männerträumen, die die männliche Moral aufrichten, natürlich!) in Form von einem ausrangierten russischen Kampfhubschrauber und einem Panzer, der sogleich von uns allen, selbst von den einstigen Zivildienstleistenden, bestaunt und erklettert wurde. Wenn man es nicht selbst gesehen hat, entzieht sich einem, leider oder glücklicherweise, die Faszination dieses Stücks deutsch-deutscher Geschichte. So jedoch, im Angesicht all jener erhalten gebliebener Zäune und Wachtürme, Sperranlagen und Scheinwerfer samt der dazugehörigen Erläuterungen auf großflächigen Tafeln und den unterhaltsamen Anekdoten des Fremdenführers, entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass diese Anlagen heute zu einem Anziehungspunkt für Touristen geworden sind. So erklärt sich wohl auch das Faible diverser bayerischer Politiker für Überwachung und Zäune und Gefängnisse, denn wenn man so viele Jahrzehnte Tür an Tor mit der DDR wohnt, da muss ja zwangsläufig was im Kopf und zurück bleiben ... Leider kam es bei der anschließenden Führung durch den Sperrgürtel zu einem Zwischenfall, als ein Mitglied unserer Gruppe, Wolfgang P., sich zur Flucht entschloss, jedoch noch innerhalb der Grenzanlagen auf eigenen Wunsch gestellt und zur Strecke gebracht werden konnte ... er erfreute sich allerdings anschließend noch bester Gesundheit! Der sehr interessant und informativ gestalteten Führung (Etwas Live-Action hätte das ganze noch etwas aufgepeppt, hätte die Geschichte noch besonders lebendig werden lassen:“Da läuft er ...“ – „Stehen bleiben!“ – „Lasst die Hunde los!“ - „Scheinwerfer!“ – „Feuer frei!“ ... Ratatatatatatatat ... - „Hallo, hier spricht Edgar ...“ ... aber na ja ...) schloss sich noch ein kleiner Film im nahe gelegenen Museum an. Gewaltmarsch Nachdem wir neben einer alten, ausrangierten Eisenbahn einige belegte Brötchen und Äpfel verputzt hatten, entschlossen wir uns zu einem Marsch durch den nahegelegenen Wald, denn für eine Seilbahn war die Gemeinde offenbar zu geizig gewesen. Anfangs stand uns noch ein breiter Weg zur Verfügung, dann jedoch, nachdem wir über eine Brücke (Nein, keine Seilbrücke, sondern richtig massiv, aus Holz gebaut, in dieser Gegend ist das schon echter Fortschritt!) auf die anderes Seite des seichten Baches gewechselt hatten, wurde der Wald und das Unterholz dichter, bis wir uns schließlich nur noch auf einem schmalen Trampelpfad, der vielleicht schon vor über 60 Jahren von irgendwelchen Partisanen und Widerstandskämpfern und zuvor vielleicht vom Ötzi benutzt worden sein könnte, dahinbewegten, irgendwo zwischen dem dreckigen Dutzend und den Waltons. Solch ein Stück unberührter Natur ist eine feine Sache – solange man nur daran denkt oder darüber redet, während man sich in der Stadt aufhält und die Vorteile der Zivilisation genießt, mit einem Martini oder einem Glas Rotwein in der Hand ... wenn man sich jedoch zusammen mit einigen anderen Leuten im mittleren Alter in brütender Hitze auf steilen Pfaden, einer Bergziege gleich, hinaufquält, schwitzend und schnaufend, stellt sich doch die Frage, warum ausgerechnet dort nicht schon längst alles platt gemacht, zubetoniert und durch einen Parkplatz oder ein Einkaufszentrum ersetzt worden ist?! Außerdem stellt sich auch die Frage, warum sich ein Haufen von Männern solch einen Gewaltmarsch antut?! Ist es, ähnlich wie beim Grillen, ein Stück archaisches Lebensgefühl, das Bedürfnis, der Natur etwas abzutrotzen und sich den Gefahren der Wildnis zu stellen?! Was für Gefahren? Ich hatte weder Indianer noch Dinosaurier oder Säbelzahntiger zu sehen bekommen. Nein, auch in Bayern gibt es so etwas nicht mehr ... Und Frauen, die man(n) hätte beeindrucken können, waren auch keine dabei gewesen, um dem männlichen Ego zu schmeicheln. Obwohl wir uns anfangs noch redlich bemühten, eine gute Figur abzugeben, wirkten wir doch schon bald weniger wie Reinhold Messner, sondern mehr wie der Bulle von Tölz ... Inzwischen war es fortgeschrittener Nachmittag und unsere Gruppe teilte sich schließlich auf: Die Hardliner wollten allen Ernstes zu unserer mächtig weit entfernten Unterkunft zurück laufen, während die Vernünftigen nur noch zurück zu den geparkten Autos wollten, um damit zurück zu fahren, sich in den Garten unserer Unterkunft auf die Bank zu hauen, den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen und ansonsten aufs Essen zu warten. Mit Mitte 30 war ich nicht der Ansicht, dass ich mich quälen musste, um mir selbst oder, noch schlimmer, anderen zu zeigen, was für ein Tough Guy ich sein konnte, und überhaupt: Ich bin Bayer, dass ist schon hart genug und so schloss ich mich der letzten Gruppe an und wir traten getrennt den Heimweg an. Auf diesem Rückweg gelangten wir auf einem Aussichtspunkt, genannt ‚König David’, an, wo wir uns, laut den angebrachten Schildern, 170 Meter über der Talsohle befinden sollten und von wo aus einem ein Ausblick über dieses Tal gewährt wird, d.h., eigentlich – sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Und warum dieser Punkt ‚König David’ genannt wurde, habe ich auch nicht erfahren! Der Abstieg, oder wie ich es nannte, die Flucht aus der Wildnis, führte durch dichtes Gestrüpp, über schmale, holprige Pfade samt Steinen und Felsen ... Also, wäre ich Moses gewesen – ich hätte die beiden Gebotstafeln beim Abstieg zerbrochen, ganz bestimmt! Ich war dankbar, als ich wieder Asphalt unter meinen Füßen spürte und eine gerade Strasse entlang gehen konnte und hoffte, dass ich nicht irgendwelche Viecher aus dem Wald mitgebracht hatte ... meine Leidensgenossen waren vorher schon da gewesen! Samstagabend Nachdem ich mich nach der Rückkehr in unserer Unterkunft ausgiebig geduscht hatte, fühlte ich mich wieder wie’n Mensch. Lange, lange danach, kamen auch endlich die Langläufer wieder zurück, ein Haufen Elend allesamt, aber sie hatten es ja so gewollt. Zum Abendessen gab es selbstgemachten Zwiebelkuchen und verschiedene selbstgemachte Pizza, einige belegt mit Schinken, andere mit Ananas oder Meerestieren, alle mit Käse überbacken, richtige Kalorienbomben also. Als allein stehender Stadtmensch kannte ich zuvor, klar, nur Tiefkühlpizza, die aber dem Vergleich mit der selbstgemachten, mit unserer selbstgemachten Pizza, nicht standhalten kann. Danke dafür an den Koch und seine fleißigen Helfer. Dazu gab es, der Gemütlichkeit und der Gesundheit wegen und weil man dadurch auch mehr und besser futtern kann, wieder verschiedene Sorten Rotwein, allerdings auch Bier und Nichtalkoholisches ... Dann wurde wieder ein Lagerfeuer entzündet, nachdem zusätzliches Feuerholz gehackt worden war. Nachdem die Strapazen des Tages hinter uns lagen und der Bauch voll war, bewegte sich die Runde nur noch sehr schwerfällig ... Bewegung kam erst wieder durch diverse pyrotechnische Experimente in die Runde ... selbstverständlich nicht zur Nachahmung empfohlen! Und weißer Rauch stieg auch an diesem Abend keiner auf! Der lange Abschied Der folgende Sonntag war, wie die meisten letzten Urlaubstage, zu kaum noch etwas nützlichem zu gebrauchen, da wohl die meisten von uns bereits wehmütig an Aufbruch dachten. Nach dem Frühstück folgte noch eine kurze Predigt des Sommer-Praktikanten Jens Michael Schütz, dessen Andacht, obwohl gut durchdacht und mittels Sch(Lap)top und Beamer ansprechend illustriert, sich doch nur wieder an gläubige Besucher christlicher Gemeinden richtet, während sich Normalsterbliche durch derlei Vorträge kaum angesprochen fühlen dürften. Auch die anschließende Diskussion förderte nur Probleme und Ziele des christlichen Lebens zutage, jedoch keine Lösungsansätze, wodurch alles nur graue Theorie blieb und die praktische Seite vernachlässigt wurde. Dennoch war der Vortrag im Ansatz gut, allerdings ist die Durchführung noch verbesserungswürdig, was jedoch bei dem Elan unseres jungen Sommer-Praktikanten (und Tom-Clancy-Lesers) kein Hindernis darstellen dürfte. Danach folgte das unvermeidliche: Während einige das Essen zubereiteten, machten andere die Bude sauber (Bei 14 Mann in einem Haus stolpert man sich zwangsläufig gegenseitig über die Füße und man kann sich zurückziehen, ohne sich dem Vorwurf, sich zu drücken, ausgesetzt zu sehen!), sammelten ihre Habseligkeiten zusammen und räumten Gepäck zu den Wagen oder saßen nur ’rum. Nach dem eher schweren Essen der vorangegangenen Tage, gab es an diesem Tag zum Mittagessen etwas Leichtes: Verschiedene Nudeln zu Schweinefleisch und Zucchini und wir hauten alle noch einmal tüchtig rein! Abschließend bleibt nur noch zu erwähnen, dass (trotz meiner vorangegangenen gehässigen Bemerkungen) sowohl Unterkunft als auch Umfeld (und natürlich auch die Gesellschaft) für einen kurzweiligen Wochenendtrip (Vielleicht auch für länger) für verschiedene Generationen empfohlen werden kann, um Urlaub von der Zivilisation zu machen ... im tief verschneiten Winter dürfte es dort wohl noch gemütlicher sein! Obwohl es natürlich Leute geben dürfte, die so etwas dann doch abschreckt! © by Armin T.H. Träger September 2005 |